Stammzellen können zu verschiedenen Körperzellen
heranreifen. Ist die
Züchtung von Gewebe schon in Sicht?
------------------------------
Sie sind unförmig und klein - auf den ersten Blick
gewöhnliche
Körperzellen. Doch in der Kulturschale entfalten sie eine
unheimliche
Eigenschaft: Sie teilen sich und teilen sich und bleiben trotzdem
jung.
Während andere Zellen außerhalb des Organismus verkümmern,
sind
Stammzellen unsterblich. Das haben sie mit Krebszellen gemein.
Doch anders als die bösartigen Killer sind sie kein Feind der
Medizin, sondern ihr neuester Hoffnungsträger. Diese Position
verdanken
die Stammzellen ihrer zweiten wichtigen Eigenschaft: Sie können
zu
fertigen Körperzellen heranreifen. Das macht aus ihnen perfekte
Ersatzstoffe für angegriffenes menschliches Gewebe. Mediziner
träumen
bereits davon, ganze Organe aus Stammzellen zu züchten. Sie
wollen auch
verloren gegangene Zellen des Nervensystems ersetzen, Herzmuskeln
nach
einem Infarkt auffrischen oder unfruchtbare Männer heilen. Wenn
die
Leber durch eine Vergiftung zerstört ist oder Zellen der
Bauchspeicheldrüse bei Menschen mit juvenilem Diabetes
absterben, sollen
Stammzellkuren eines Tages helfen. Viele der Pläne sind Science
Fiction. Doch manches ist - zumindest im Tierversuch - schon
heute
machbar. "Stammzellen gehören zu dem Spannendsten, was die
Zellbiologie
derzeit zu bieten hat", sagt Ernst-Ludwig Winnacker,
Präsident der
Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Und eine Variante, die
embryonale Stammzelle, ist besonders aufregend: Sie hat "die
Eigenschaft, sich in alle zirka 300 Zelltypen ausdifferenzieren
zu
können, aus denen ein Säugerorganismus besteht", weiß
Winnacker.
Implantiert in einen Embryo kann aus dieser
"pluripotenten" Zelle sogar
ein komplettes Lebewesen werden. Was das in der Praxis bedeutet,
demonstrierte gerade die Arbeitsgruppe um Ronald McKay von den
National
Institutes of Health in Bethesda in den USA. In der
Fachzeitschrift
"Nature Biotechnology" (Bd. 18, S. 675) stellten die
Forscher eine
effektive Methode vor, embryonale Stammzellen von Mäusen im
Labor zu
vermehren und zu Gehirn-Nerven weiterzuentwickeln, die den
Botenstoff
Dopamin erzeugen. Solche Zellen sollen eines Tages
Parkinson-Patienten
helfen. Andere Ersatznerven könnten nach dem gleichen Muster die
Folgen
der Alzheimerschen Krankheit, eines Schlaganfalls oder von Chorea
Huntington lindern. Das größte Problem bei der Behandlung von
Parkinson war es bislang, ausreichend viele Zellen zu bekommen.
McKay
betont deshalb, sein wichtigstes Ergebnis sei, dass man nun die
erwünschten Nerven "in unbegrenzter Zahl erzeugen
kann". Zudem scheint
es nicht allzu schwer, die Experimente mit Menschenzellen zu
wiederholen. Ob die Zelltransplantation aber funktioniert, bleibt
abzuwarten. Bei Mäusen wirken die Implantate zwar, doch die
langjährige
Erfahrung mit der Einpflanzung von Dopamin-Nerven aus
abgetriebenen
Föten bei Menschen lässt noch kaum eine zuverlässige Aussage
zu: "Wir
dürfen nicht zu viel zu früh versprechen", fasst Anders
Björklund,
Pionier der Hirnzelltransplantation, von der Universität im
schwedischen
Lund, die bisherigen Erkenntnisse zusammen. Wie groß das
Einsatzgebiet der pluripotenten Zellen gerade für Reparaturen im
Nervensystem ist, unterstreichen zwei andere Resultate der
letzten Zeit.
John McDonald und Kollegen von der Washington University in St.
Louis,
USA, pflanzten embryonale Stammzellen in das durchtrennte
Rückenmark von
Ratten. Die Zellen füllten den Spalt mit allen drei Zelltypen
des
gesunden Rückenmarks. Die Ratten zeigten sogar eine leichte
Besserung
ihrer Bewegungsfähigkeit. Eine Anwendung bei
querschnittgelähmten
Menschen ist dennoch in weiter Ferne. Im Sommer 1999 hatte Oliver
Brüstle von der Universität Bonn mit Kollegen bereits gezeigt,
dass
embryonale Stammzellen die Glia im Nervensystem von Ratten
ersetzen
können. Den Tieren fehlte dieses wichtige, für die Isolation
der Nerven
zuständigen Gewebe. Weil auch bei Menschen mit Multipler
Sklerose Glia
verloren geht, lassen Brüstles Arbeiten auf eine Therapie der
bislang
unheilbaren Krankheit hoffen. Doch müssen noch viele
Tierversuche
gelingen, bis an Tests bei Menschen überhaupt zu denken ist,
sagt
Brüstle. In Deutschland und vielen anderen Ländern sind solche
Tests
unmöglich, weil die Forschung mit menschlichen Embryos verboten
ist.
Viele erfolgreiche Versuche der letzten Zeit sind indes nicht mit
den ebenso wandelbaren wie ethisch umstrittenen embryonalen,
sondern mit
so genannten organischen Stammzellen durchgeführt worden. Diese
sitzen
meist sehr versteckt irgendwo inmitten eines erwachsenen Organs
und
differenzieren sich wenn nötig zu dessen Zellen aus. Am
längsten bekannt
sind die Blutstammzellen, die im Knochenmark und in geringen
Mengen im
Blut vorkommen. Aus ihnen kann sich das gesamte Blut- und
Immunsystem
eines Menschen regenerieren. Wird das Mark von Krebspatienten
durch
Chemotherapie zerstört, erhalten sie deshalb heute oft
Stammzelltransplantate. "In Europa wurden in den vergangenen
zehn
Jahren mehr als 100.000 Transplantationen der Blut bildenden
Stammzellen
durchgeführt", sagt der Basler Hämatologe Alois Gratwohl.
Sie helfen
neuerdings auch bei lebensbedrohlichen Autoimmunkrankheiten, bei
denen
das falsch trainierte Immunsystem Organe des eigenen Körpers
angreift
und vernichtet, etwa Lupus erythematodes oder schwere rheumatoide
Arthritis. Bei dieser Therapie, die zum Beispiel an der Berliner
Charité
erprobt wird, entsteht eine neue, intakte Krankheitsabwehr.
Biologen entdecken Stammzellen in immer mehr Organen, in Leber,
Haut, Gehirn, Muskeln oder der Hornhaut des Auges. Oft wissen sie
nicht,
wo genau die potenten Zellen ruhen. Aber sie können sie
isolieren, indem
sie Gewebe in Kulturschalen züchten und schauen, ob Zellen darin
sind,
die lange leben und sich zu allen Zelltypen des Organs
weiterentwickeln.
Einmal isoliert, sind die organischen Stammzellen eine
Alternative zu
der umstrittenen embryonalen Variante. Ammon Peck und seine
Kollegen von der University of Florida in Gainesville in den USA
entnahmen Mäusen kürzlich Stammzellen aus der
Bauchspeicheldrüse,
vermehrten sie und ließen sie zu Insulin produzierenden Zellen
reifen.
Diese pflanzten sie zuckerkranken Mäusen ein. Die neuen Zellen
nahmen
die Insulinproduktion auf, wie die Forscher in "Nature
Medicine" (Bd. 6,
S. 278) berichteten. Peck startete bereits erste Versuche mit
menschlichen Stammzellen. Nach dem gleichen Prinzip wollen
Forscher in Zukunft auch abgestorbene Zellen in Leber, Muskeln
und
Gehirn ersetzen. Patienten mit Leberzirrhose, Muskelschwund,
Herzinsuffizienz oder Hirnschäden könnten davon profitieren.
Dabei bauen
die Experten auf einen großen Vorteil der organischen
Stammzellen: Man
könnte sie den Patienten selbst entnehmen, vermehren und
reimplantieren.
Eine Abstoßung durch das Immunsystem wäre dann ausgeschlossen.
In 20 bis 30 Jahren "könnten solche Therapien
medizinische Routine sein",
schätzt Alois Gratwohl. Bis dahin müssen Forscher noch klären,
wie sie
Stammzellen in ausreichender Zahl aus den Organen fischen
können, wie
sich diese vermehren, zu den richtigen Körperzellen
weiterentwickeln
lassen und welche Botenstoffe bei der Spezialisierung embryonaler
Stammzellen die entscheidende Rolle spielen. Der Fantasie der
Stammzellforscher scheint vorerst keine Grenzen gesetzt zu sein.
Schwedische Forscher stellten gerade fest, dass sich aus
Stammzellen des
erwachsenen Mäusehirns, die in Embryos eingepflanzt wurden,
später Teile
von Herz, Lunge, Nieren, Leber oder Hirn entwickelten. Die nach
gängiger
Lehrmeinung auf die Produktion von Nerven und Glia beschränkten
Hirnstammzellen, waren pluripotent geworden. Könnte man dies
eines Tages
in Zellkulturen nachahmen, wäre ein Problem der aktuellen
Stammzellforschung gelöst: Der ethisch bedenkliche Verbrauch
menschlicher Embryos wäre vom Tisch.