IM GESPRÄCH
Nach Lorenzos Öl setzt der Vater Augusto Odone nun auf die
Myelin-Forschung
und finanziert ein Projekt
Von Helmut
Schneider
Mit sechs Jahren stieß er plötzlich wie orientierungslos an
Möbel und verlor
sein Gehör. Adrenoleukodystrophie, kurz ALD, so lautete die
Diagnose der
Ärzte - eine sehr seltene Lipidspeicherkrankheit, die den Abbau
langkettiger
Fettsäuren im Blut aufgrund eines Gendefekts verhindert.
Symptome können
Seh- und Hörstörungen, epileptische Anfälle, Lähmungen und
Demenz im
Endstadium sein.
Zwei Jahre, nicht mehr, gaben ihm die
Mediziner damals noch. Das war vor 17
Jahren.
Lorenzo ist mittlerweile
23 Jahre alt
Lorenzos Überleben war Stoff für Hollywood.
Lorenzo Odone
lebt noch heute. Bekannt geworden ist sein Schicksal vor zehn
Jahren durch
den bewegenden Medizin-Thriller "Lorenzos Öl" mit Nick Nolte
und Susan
Sarandon. Sein Überleben war Stoff für Hollywood. Denn nur der
Beharrlichkeit
seiner Eltern und ihrem steten Auf-die-Nerven-Gehen der an
ALD forschenden
Wissenschaftler hat es Lorenzo zu verdanken, daß eine
spezielle
Erucasäure-Diät entwickelt wurde, die die Blutfettwerte bei dem
Jungen
normalisierte und die den Degenerationsprozeß zunächst aufhielt.
Das
Fortschreiten der Erkrankung aber war nicht ganz zu stoppen: Der
mittlerweile
23jährige Lorenzo kann sich nicht bewegen, ist bettlägrig und
abhängig von
der Pflege seiner Familie.
Aber genau das läßt Lorenzos Vater nicht
ruhen, wie Augusto Odone im
Interview mit dem Fachmagazin "New Scientist"
sagt (173, 2002, 45). Nicht
als Wissenschaftler, so sieht er sich nicht,
obwohl er sich große Kenntnisse
über die Krankheit angeeignet hat. Nur als
Vater. Und von dem Wunsch
getrieben, seinem Sohn zu helfen. "Lorenzo kann
zwar nur über einen Schlauch
essen, aber er nimmt alles um sich herum wahr.
Er hört gerne Musik. Vorlesen
gefällt ihm. Im Sommer hat er mehrere Male im
Swimming Pool gebadet."
Was man über ALD weiß, nämlich daß die
verheerenden Symptome unter anderem
durch einen fortschreitenden Verlust an
Myelin hervorgerufen werden, spornt
ihn dazu an, mehr über die Myelin- oder
Markscheide zu erfahren und darüber,
wie sie sich wiederherstellen läßt.
Deshalb hat Odone, früher Ökonom der
Weltbank, das Myelin-Projekt in
Washington D.C. gegründet, das, von ihm
finanziell unterstützt, die Forschung
vorantreiben soll. Denn es gibt
positive experimentelle Ansätze, daß das
Myelin erneuert werden kann.
Wissenschaftler vermuten schon längere Zeit,
daß in der Zellmembran
lokalisierte Produkte der sehr langkettigen Fettsäuren
durch ihre
ungewöhnliche Form den Anstoß für eine Autoimmunattacke gegen
die
Markscheiden geben können. Tatsächlich ähneln bei ALD die
Demyelinisierung
und Entzündung des Gehirns den Vorgängen bei Multipler
Sklerose.
Die Variabilität der ALD deutet aber darauf hin, daß außer dem
Gen als
Ursache des Stoffwechseldefektes noch mindestens ein zweites Gen
von
Bedeutung ist. Dieses Gen könnte vor allem darüber entscheiden, wie
anfällig
der Träger für die autoimmune Attacke ist. Odone: "Manche
Patienten
entwickeln wie Lorenzo die Kindheits-Variante, die für gewöhnlich
innerhalb
von zwei Jahren tödlich verläuft. Die andere mit der
Erwachsenen-Variante
verläuft langsamer und befördert die Erkrankten
neurologisch zurück ins
späte Twen-Alter."
Die Autoimmun-Hypothese
bietet sinnvolle Ansatzpunkte zu neuen
experimentellen Therapien bei ALD. Es
gibt Untersuchungsergebnisse, wonach
eine intravenöse Therapie mit
Immunglobulinen die bei ALD-Patienten
typischerweise erhöhte Zahl aktivierter
T-Helfer-Lymphozyten normalisieren
kann.
Hoffnung gibt das Verpflanzen
Schwannscher Zellen
Die aufregendste wissenschaftliche Herausforderung sieht
Odone im
Verpflanzen Schwannscher Zellen aus dem Bein des Patienten ins
Gehirn. Es
konnte bei Tieren nachgewiesen werden, daß die Zellen neues
Myelin
produzieren können. "Ob das aber beim Menschen funktioniert, weiß
niemand",
sagt Odone. Sicher scheint die Methode aber zu
sein.
Embryonale Stammzellen zur Therapie verwenden würde Odone nur dann,
wenn der
Embryo sowieso zerstört wird. Darüber, ob er aus Lorenzos Zellen
einen
Embryo klonen würde, um Transplantationsgewebe herzustellen, hat er
noch
nicht nachgedacht. Soviel aber sagt Odone: "Der menschliche Körper ist
zu
komplex, als daß sich vorhersagen ließe, was bei Tieren oder Zellen
klappt,
klappt auch bei Menschen. Aber man muß es erst einmal versuchen,
sonst
erfährt man's nie. Das ist mein Motto für das Myelin-Projekt." Und
seine
Hoffnung für Lorenzo.
Weitere Informationen über das
Myelin-Projekt im Internet unter:
www.myelin.org oder unter
www.myelinprobritish.demon.co.uk
STICHWORT
Adrenoleukodystrophie
oder kurz ALD
Die Adrenoleukodystrophie (ALD), eine X-chromosomal- oder
autosomal-rezessiv
erbliche Stoffwechselerkrankung mit einer Störung im
peroxisomalen Abbau
sehr langkettiger Fettsäuren, tritt bei einem bis zwei
von 100 000
Neugeborenen auf. Gestörte Nebennierenfunktion bei Atrophie
der
Nebennierenrinde und ausgedehnte Demyelinisierung des
Nervensystems
kennzeichnen die Krankheit. Symptome sind neurologische
Ausfälle wie Seh-
und Hörstörungen, psychomotorische Retardierung, spastische
Paresen,
epileptische Anfälle und Demenz. "Die ALD verläuft immer tödlich",
so das
MSD Manual. Nicht bei Lorenzo Odone.
(hsr)
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