Einsatz von Cortison in der MS

von Dr. med. Vital Hauser Neurologe, Aarau

mit freundlicher Erlaubnis

der Zeitschrift Betaferon-Aktuell 4/99 (Herausgeber: Interferonberatung, Postfach, 8010 Zürich)

 

Cortison ist ein körpereigenes Hormon
Sein Name wird abgeleitet von Cortex, da es in der Nebennierenrinde (=Cortex) produziert wird. Cortison ist ein Hormon, welches bei Alarm, Angriff oder Flucht gebraucht wird. Cortison bewirkt einerseits eine Blutzuckererhöhung, andererseits hemmt Cortison Stoffwechselvorgänge wie Verdauung, Muskelaufbau, jedoch auch das Immunsystem. Man kann allgemein von einer entzündungshemmenden Wirkung sprechen. Diese Wirkung ist bei der Cortison-Behandlung eines Schubes bei Multipler Sklerose erwünscht. Dabei wird eine Substanz verabreicht, welche gegenüber dem körpereigenen Cortison leicht abgewandelt ist, jedoch die gleiche Wirkung hat.

Bereits in den 50er Jahren wurden bei Patienten mit Multipler Sklerose Therapieversuche mit ACTH durchgeführt. ACTH stimuliert die körpereigene Cortison-Produktion in der Nebennierenrinde. Dabei zeigte sich, dass die ACTH-Gabe während eines Schubes eine eindrückliche Besserung brachte. Für rund 25 Jahre wurde die ACTH-Behandlung (sogenannte Synacthen-Kur) bei MS-Schüben zur Standardtherapie.

Cortison und/oder Steroide?

Alle vom Cortison abgeleiteten Substanzen, die in der Medizin eingesetzt werden, werden zusammengefasst Glucocorticosteroide, kurz Steroide genannt. Es gibt verschiedene Arten von synthetischen Glucocorticosteroiden. Sie weisen bezüglich Wirkung und biologischer Aktivität deutliche Unterschiede auf. Steroide hemmen eine Entzündung durch Unterdrückung der Einwanderung von Immunzellen ins Hirn und Verminderung einer Wassereinlagerung (Oedem) bzw. Verminderung einer Schwellung. Daneben werden deutlich weniger Antikörper durch B-Lymphozyten (Antikörper-produ-zierende weisse Blutkörperchen) gebildet.

Methylprednisolon zeigt im Vergleich zum natürlichen Cortison eine 5 x höhere Wirkung bezüglich Entzündungshemmung, ausserdem hält die Wirkung auch mindestens doppelt so lange an. Damit ergibt sich eine Abschwächung und Verkürzung eines Schubes, längerfristig jedoch keine Beeinflussung des Krankheitsverlaufes der Multiplen Sklerose.

In den 70er Jahren wurden anstelle der ACTH-Kur Versuche mit der Gabe von Cortison oder von einer dem Cortison verwandten Substanz, nämlich Prednison durchgeführt. Damals kannte man bei der Cortison- oder Prednison-Gabe noch keinen deutlichen Effekt auf einen MS-Schub.

Erst um 1980 wurde die intravenöse hochdosierte Gabe von Methylprednisolon untersucht, die ebenfalls eine stark schubhemmende Wirkung zeigte. Im Vergleich zur ACTH-Kur wurden zwei Vorteile bemerkt: ein schnellerer Wirkungseintritt und eine beständigere Wirksamkeit.

Die Hauptwirkung von Methylprednisolon (Solumedrol) besteht - wie oben erwähnt - in einer Abschwächung und Verkürzung des Schubes, ausserdem zeigt sich ein leichter Rückgang der Spastik.

Methylprednisolon ist damit ein sehr gutes Medikament zur Schubbehandlung, nicht jedoch zur Dauertherapie, wie dies in den 80er Jahren mehrfach versucht wurde. Ein therapeutischer Effekt einer länger dauernden niedrig dosierten per oralen Behandlung mit Steroiden konnte nicht belegt werden, dies sollte aus unserer Sicht auch nicht erfolgen.

Bei einer lang dauernden Behandlung mit Cortison besteht nämlich die Gefahr von erheblichen Nebenwirkungen, wie leichter Muskelschwund, Demineralisation der Knochen (Osteoporose), auch zunehmende Stammfettsucht. Längerdauernd verabreichtes Cortison ist damit gefährlich und soll nur bei denjenigen Krankheiten gebraucht werden, wo keine bessere Behandlung existiert wie beispielsweise bei der Polymyalgia rheumatica (Erkrankung mit Muskelschmerzen, meist im Alter). Bei der MS hat eine länger dauernde niedrig dosierte Cortison-Medikation per os keinen Platz.

Bislang ist ein Effekt von Methylprednisolon (Solumedrol) in kontrollierten Studien nur für die intravenöse Gabe belegt. Die meisten Neurologen geben Methylprednisolon intravenös über 5 Tage, je 500 mg täglich, es kann jedoch auch über 3 Tage zu je 1 g verabreicht werden. Um ein rasches Wiederaufflackern der Entzündungsaktivität im Rahmen eines Schubes der MS zu verhindern, wird heutzutage nach der intravenösen Methylprednisolon-Gabe anschliessend häufig Prednison als Tablette in absteigender Dosierung über rund 2-3 Wochen gegeben.

Einzelne Neurologen geben Methylprednisolon (Medrol) hochdosiert auch in Tablettenform, was im Schub in der Regel ebenfalls einen Nutzen zeigt. Es gibt dazu allerdings erst wenige kontrollierte Studien, die eine Wirkung belegen.

Nebenwirkungen

Nebenwirkungen sind bei der hochdosierten intravenösen Gabe von Methylprednisolon selten. In erster Linie sind dies Unverträglichkeitsreaktionen, die selten zu Herzrhythmusstörungen führen können, gelegentlich auch starke Blutdruckerhöhung bei vorbestehendem Bluthochdruck. In vereinzelten Fällen wurden psychische Veränderungen und selten epileptische Anfälle beschrieben. Gefürchtet ist eine Knochennekrose unter hoch dosierten Steroiden, was allerdings sehr selten ist.

Insgesamt darf die hoch dosierte Schubbehandlung mit Methylprednisolon bei MS-Patienten als sichere Behandlung betrachtet werden. Signifikante Nebenwirkungen finden sich bei etwa 0.6% aller behandelten Patienten. Eine hochdosierte Methylprednisolon-Gabe soll bei einer Herzrhythmusstörung, einer schweren Nierenstörung und einer bekannten Epilepsie nicht angewendet werden.

Cortison für sich hat schliesslich einen leicht euphorisierenden unspezifischen Effekt. Man erlebt immer wieder Patienten, welche berichten, dass es nach der Einnahme von Cortison deutlich besser gegangen sei, ohne dass man klinisch eine sichere Wirkung auf die MS hätte beobachten können. Diese Patienten drängen dann auf regelmässige Cortison-Gaben oder auch eine Cortison-Medikation peroral, was nicht günstig ist wegen der Gefahr der Nebenwirkungen, wie oben erwähnt. Bei psychischen Problemen im Rahmen der MS soll die Behandlung nicht mit Cortison erfolgen, sondern mit direkt auf die Psyche wirkenden Substanzen.

Literaturangaben sind erhältlich über info@ms-forum.ch