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Kongreßbericht
2000
Erstes
interdisziplinäres Symposium zur Behandlung von
Autoimmunerkrankungen in Kiel
Am 15.
Februar diesen Jahres richtete die Fördergesellschaft
zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen e. V. erstmals
unter Beteiligung hochkarätiger Wissenschaftler aus den
USA, Italien, Belgien und Deutschland ein Symposium aus.
Schwerpunkte waren neue Therapiekonzepte zur Behandlung
der Multiplen Sklerose und des Systemischen Lupus
erythematodes.
Multiple
Sklerose - weltweit sind etwa 1 Million Menschen
betroffen
Die Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung des
zentralen Nervensystems, die in den meisten Fällen
zunächst schubförmig verläuft. Im Verlaufe der
Erkrankung kommt es im Rahmen einer Entzündung zu einer
Zerstörung der Markscheiden der Nervenfasern, der
Nervenzellen selber sowie der umgebenden Stützzellen. Je
nach Ort der Entzündung kommt es zu Lähmungen,
Sehstörungen, Schwindel, Taubheitsgefühl und Störungen
der Blasen- und Mastdarmentleerung. Die Multiple Sklerose
ist eine der häufigsten Ursachen der Behinderung im
jungen Erwachsenenalter. Weltweit sind etwa 1 Million
Menschen betroffen. Die Erkrankung ist nach dem
derzeitigen Stand der Wissenschaft nicht heilbar. Derzeit
wird während eines akuten Schubes hochdosiert Kortison
verabreicht, das aber kaum einen Effekt auf den
langfristigen Verlauf hat. Erste Langzeiterfolge
erbrachte vor einigen Jahren die Einführung der
ß-Interferone sowie die Einführung der bisher nur in
den USA erhältlichen Copolymer-1. Beide Wirkstoffe haben
jedoch den Nachteil, daß sie derzeit nur in Form von
Injektionen angewandt werden können, was für den
Patienten eine große Belastung darstellt. Diesem Problem
widmet sich derzeit eine Studiengruppe aus Boston in den
USA. Dr. Michael Olek berichtete in seinem Vortrag über
neue Therapieansätze der Multiplen Sklerose mit dem
neuen Interferontau, Mycophenolatmofetil
(CellCept®) sowie Cyclophosphamid, einem Zytostatikum.
Besonderer Schwerpunkt seines Vortrages war das neue
Interferon-tau, das als einziges Interferon oral, das
heißt also in Form von Kapseln eingenommen werden kann.
Eine Studie der Phase 1 wurde bereits erfolgreich
abgeschlossen, ein doppelblinde Studie der Phase 2 ist
bereits geplant. Auch Mycophenolatmofetil, das bei uns
unter dem Namen CellCept® im Handel ist, kann in Form
von Kapseln eingenommen werden. Die Arbeitsgruppe um Dr.
Olek führt mit diesem relativ neuen Wirkstoff erstmals
eine doppelblinde Studie an MS-Patienten durch. Derzeit
ist das Präparat in der Bundesrepublik lediglich zur
Verhinderung von Transplantatabstoßungen zugelassen.
Mit
Krebsmitteln gegen die MS
Bemerkenswert ist auch der Therapieansatz mit
Cyclophosphamid, einem Zytostatikum, das für gewöhnlich
zur Therapie von bösartigen Erkrankungen eingesetzt
wird. In einer Multicenter-Studie prüft die
Arbeitsgruppe aus Boston derzeit den Einsatz bei
MS-Patienten, die als Therapieversager unter Interferon
gelten. Die Ergebnisse sollen innerhalb der nächsten
zwei Jahre vorliegen. Mitoxantron - auch bei schwersten
Fällen wirksam Auch eine deutsche Arbeitsgruppe aus
Würzburg unter der Leitung von Herrn Prof. Toyka und
Herrn Priv. doz. Jung befaßt sich derzeit ebenfalls mit
dem Problem der Therapieversager unter Interferon-ß.
Herr Priv. doz. Jung stellte die Ergebnisse einer
zweijährigen Studie mit Mitoxantron vor. Mitoxantron ist
in Deutschland unter dem Namen Novantron® im Handel und
ist derzeit lediglich zur Behandlung von
Lymphdrüsenkrebs und anderen metastasierenden
Krebserkrankungen zugelassen. Die Studie konnte zeigen,
daß Mitoxantron auch in schweren Fällen von MS bei
Versagen anderer Therapien wirksam ist. Eingeschränkt
wird die Anwendung von Mitoxantron leider durch die
schweren Nebenwirkungen des Präparates. Nach einer
gesamten Therapiedauer von zwei Jahren muß das
Medikament abgesetzt werden, um eine Schädigung des
Herzmuskels zu verhindern. Möglicherweise sind im
Anschluß an die Mitoxantronbehandlung jedoch wieder
üblichen Therapieregime wirksam, so hofft Herr Priv.
doz. Jung.
Auch
weniger aggressive Therapien sind bei der MS wirksam
Einen anderen Weg bei der Therapie der MS beschreitet
derzeit Herr Prof. Kunze aus Hamburg. Er gab in seinem
Vortrag eine Übersicht zur Behandlung neurologischer
Erkrankungen mit hochdosierten Immunglobulinen.
Immunglobuline sind Plasmaproteine, die aus menschlichem
Blut gewonnen werden. Sie spielen eine Rolle bei der
Abwehr von Krankheitserregern. Die Wirksamkeit bei
Autoimmunerkrankungen anhand zahlreicher Studien gut
belegt, jedoch ist bis zum heutigen Tag der
Wirkungsmechanismus nicht vollständig geklärt. Die
Therapie besteht in einer Infusionsbehandlung über
wenige Tage, die zumeist in monatlichen Abständen
wiederholt wird. Obwohl die Immunglobuline in der Regel
gut verträglich sind, blieb ihre Anwendung jedoch
aufgrund der hohen Kosten bislang beschränkt. Nach der
Schwangerschaft droht oft ein MS-Schub Frau Prof. Haas
widmete sich auf dem Symposium dem Thema Schwangerschaft
und MS. Wie bei allen Autoimmunerkrankungen, so besteht
auch bei der MS nach der Entbindung ein hohes Risiko,
einen erneuten Schubes. Grund hierfür ist die hormonelle
Umstellung im Körper der Frau, der zu einer Aufhebung
der Immuntoleranz führt. Ein MS-Schub nach der
Entbindung ist gerade zu diesem Zeitpunkt besonders
problematisch, da die Patientin einen Säugling zu
versorgen hat. Abhilfe kann hier die hochdosierte Gabe
von Immunglobulinen schaffen, wie Frau Prof. Haas
erläuterte. Ihre Studie mit insgesamt 51 Frauen konnte
eindrucksvoll eine Reduktion des Risikos für einen
erneuten MS-Schub belegen. Frau Prof. Haas betonte zudem
die sehr gute Verträglichkeit der Therapie. Das
Neugeborene könne ohne Probleme gestillt werden. Selbst
die Gabe von Immunglobulinen während der Schwangerschaft
sei möglich und ohne Risiko für das Ungeborene.
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