Britische Basistherapie-Studie - negatives Ergebnis für Interferone

 

Von: Gabi Gödrich am 27.06.2010 gefunden. Vielen Dank !
Original : http://www.bmj.com/cgi/content/full/340/jun03_1/c1672 (in Englisch)

Britische Basistherapie-Studie endet in 700 Millionen Pfund teurem Fiasko - die deutsche Übersetzung
Alexander Otto Juni 5, 2010

Der Artikel von Jeremy Laurance, erschienen am 4. Juni 2010 im Independent, bezieht sich auf die BMJ-Analyse zum Erfolg des Patient-Access-Scheme des britischen National Health Service (NHS). Auf Grund des großen Interesses habe ich mir die Mühe gemacht, den Text für euch verständlich einzudeutschen. Also los:
Die teuerste öffentlich finanzierte MS-Medikamentenstudie in der Geschichte des britischen NHS muss heute als totales Fiasko bewertet werden. Es wurden mehre Hundert Millionen Pfund verschwendet, nur um zu tieferen Einsichten über den Einfluss der pharmazeutischen Industrie zu gelangen.

Die Studie untersuchte die vier MS-Medikamente (Avonex, Betaseron, Rebif und Copaxone), die in den 1990er Jahren als erste echte Behandlungsoptionen gegen das Fortschreiten der Multiplen Sklerose bejubelt wurden. Im Vereinigten Königreich waren von der Krankheit damals etwa 80.000 Menschen betroffen.

Bereits 2002 entschied das National Institute for Clinical Excellence (NICE), dass die Medikamente nicht effektiv genug sind, um vom National Health Service zur MS-Therapie eingesetzt zu werden. Auf Druck von Patientenorganisationen und Pharmaindustrie entwickelte die NHS dann jedoch ein sogenanntes Patient-Access-Scheme, um den Kranken den Zugang zu den teuren Therapien (pro Patient jährlich etwa 8.000 Pfund) doch noch zu ermöglichen. Für den Fall, dass die Medikamente ineffektiv wären, wurden mit den Herstellerfirmen deutliche Preisnachlässe vereinbart.

Obwohl der erste Bericht über die Behandlungsergebnisse schon nach zwei Jahren verfügbar war, wurde er erst sieben Jahre später, nämlich im Dezember 2009 veröffentlicht, denn das Behandlungsziel wurde verfehlt. Die Medikamente konnten die Krankheitsprogression (definiert durch die Gehfähigkeit) nicht nur nicht verlangsamen, sie könnten sie sogar beschleunigt haben. Auf Grundlage solcher Ergebnisse müssten die Pharmaunternehmen den National Health Service eigentlich für den Einsatz ihrer Medikamente bezahlen.

Doch trotz des ernüchternden Befundes wurden weder Gelder zurückerstattet noch die Preise gesenkt. Das Überwachungsgremium der Studie hielt weitere Folgebeobachtungen und Analysen für notwendig. Es sei schließlich noch völlig offen, ob der Krankheitsverlauf der Patienten tatsächlich aggressiver geworden sei - oder bloß das zugrundegelegte Erfolgskriterium Gehfähigkeit die Resultate unterdurchschnittlich erscheinen ließe.

So nahmen bis 2009 insgesamt 5.583 Patienten am Patient-Access-Scheme teil. Über sieben Jahre entstanden dem NHS dadurch Kosten in Höhe von rund 350 Millionen Pfund. Die britische MS-Gesellschaft berichtet, dass darüber hinaus noch einmal doppelt so viele Menschen außerhalb der Studie mit den untersuchten Medikamenten behandelt wurden. Das bedeutet, dass das britische Gesundheitssystem geschätzte 700 Millionen Pfund für eine wirkungslos Behandlung ausgab. (Das sind zur Stunde 846 Millionen Euro.)

In einer Reihe von Artikeln kritisieren Experten im aktuellen British Medical Journal die abwartende Haltung des NHS:

James Raftery, Professor an der University of Southampton und NICE-Berater, bemängelt, dass dem Überwachungsgremium die Vertreter der vier Pharmaunternehmen, von zwei MS-Gruppen und den behandelnden Neurologen angehörten. Alle hatten sich für den fortgesetzten Einsatz der Medikamente über den NHS eingesetzt. «Die Neutralität des Überwachungsgremiums ist daher fragwürdig», erklärte er, denn «Beobachtung und Auswertung der Resultate müssen unabhängig erfolgen. Transparenz ist essentiell, einschließlich jährlicher Berichte, freiem Datenzugriff und dem Recht auf Veröffentlichung. All das hätte dazu beigetragen, dass gegenwärtige Fiasko zu vermeiden.»

Christopher McCabe, Fakultätsleiter der Gesundheitsökonomie an der University of Leeds, schrieb den Kollegen im BMJ: «Keiner der Gründe, die zur Preisfindung angeführt werden, hält einer kritischen Betrachtung stand.» McCabe erklärte the Independent: «Wir sollten uns die Frage stellen, warum wir für diese Medikamente bezahlen. Für eine Wirkung auf die Behinderungsprogression gibt es keine Beweise.»

Alastair Compston, Professor für Neurologie an der University of Cambridge, verteidigt das Patient-Access-Scheme. Er meint, das Programm habe - unabhängig von seinen negativen Resultaten - zumindest die Situation der MS-Patienten durch die Weiterentwicklung von Krankheitsverständnis und Pflege verbessern können.

Neil Scolding, Professor für Neurologie an der University of Bristol, merkt an, dass das Verhältnis der in Großbritannien mit Basistherapeutika behandelten Patienten (10 bis 15 Prozent) im Vergleich zu Frankreich und Deutschland (40 bis 50 Prozent) klein sei. Zudem habe das Patient-Access-Scheme zur Anstellung von 250 spezialisierten MS-Krankenschwestern geführt und obwohl es sich jetzt als teueres trojanisches Pferd herausstelle, schreibt er weiter, könne das Patient-Access-Scheme allein durch das Heer der ausliefernden MS-Spezialisten für die Patienten ein Erfolg sein.

Die britische MS-Gesellschaft unterstellt dem Patient-Access-Scheme zwar Erfolg bis 2007, aber nach der Veröffentlichung der Ergebnisse im Dezember letzten Jahres zog sie ihre Unterstützung zurück.

MS: Warum die Medikamente nicht helfen

Multiple Sklerose ist eine chronische Erkrankung, die über 40 und mehr Jahre verläuft. Bei Entwicklung von Medikamenten zur Progressionsverlangsamung wurde, um schnelle Wirkungsnachweise zu ermöglichen, auf MRT-Scans der entzündlichen Hirn-Läsionen zurückgegriffen. Viele Experten vermuten allerdings mittlerweile, dass die Läsionen die Krankheit nur wenig beeinflussen, denn weniger Läsion bedeuten offenbar nicht zwingend weniger Behinderung. Die Medikamente behandeln die Läsionen, nicht die MS.


 

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Quelle : http://www.myelounge.de/?p=243

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